Die verborgenen Seiten

Sacher-Masoch hat sie beschrieben, Prinzessin Sophie hat sie erlebt, Hans Gross hat sie aufgedeckt und Krafft-Ebing hat sie akribisch erforscht, die verborgenen Seiten der Menschen. Und das alles in Graz.

 

Als Richard Freiherr von Krafft-Ebing 1873 mit 33 Jahren von Deutschland nach Graz kam, ahnte niemand, dass er einmal Medizingeschichte schreiben würde. Der vielseitige Psychiater, Neurologe und Rechtsmediziner war ein wichtiger Wegbereiter der Psychoanalyse. Bis 1880 leitete er die damalige Landes-Irrenanstalt Feldhof, den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Graz hatte er bis zu seiner Berufung nach Wien 1889 inne. Außerdem gründete er das Privatsanatorium Maria Grün, eine bald sehr angesehene Nervenklinik. Mit seiner Studie „Psychopathia sexualis“ landete er einen wissenschaftlichen Weltbestseller. Geschrieben für Ärzte und Juristen, sollte das Werk über die damals noch “rätselhaften Erscheinungen“ des Sexuallebens aufklären, sie einordnen und klassifizieren. Zahlreiche Begriffe, die Krafft-Ebing prägte, sind bis heute gebräuchlich. Er starb 1902 in Maria Grün im Alter von 62 Jahren und ist auf dem Leonhard Friedhof begraben. Seine Ansichten waren durchaus umstritten, sein Fachwissen und sein Charakter nicht. Zeitgenossen beschreiben ihn als vornehm, edel und von bemerkenswerter Güte. Seine Büste steht im Verbindungsgang zwischen dem Alt- und Neubau der Universitätsklinik für Psychiatrie am LKH-Gelände.

 

Krafft-Ebing arbeitete eng mit Hans Gross zusammen, dem Begründer der wissenschaftlichen Verbrechensaufklärung. Der Vater der modernen Kriminalistik steuerte zahlreiche Gerichtsfälle zur "Psychopathia sexualis" bei und stand selbst schon im Mittelpunkt einer Blog-Geschichte. Zur Zeit der beiden Pioniere – und noch lange danach – war Homosexualität strafbar. Krafft-Ebing kam durch seine Forschungen zum Schluss, es handle sich um eine erbliche Nervenkrankheit. Zuständig seien daher nicht die Gerichte, sondern die Ärzte. Seine Forderung nach Straffreiheit blieb jedoch ungehört und auch die Betroffenen zeigten sich wenig begeistert: Statt Gefängnis hätte die Psychiatrie gedroht. 

 

Zu Krafft-Ebings bekanntesten Patientinnen zählte Sophie, die jüngste Schwester von Kaiserin Elisabeth. Als sie sich – wohl nicht zum ersten Mal – verliebte und scheiden lassen wollte, wurde sie von einem Ärztekollegium für krank erklärt. Ein Fall für das Sanatorium Maria Grün, das auf die Behandlung sexueller Abartigkeiten spezialisiert war. Nach einigen Monaten kehrte sie „geheilt“ zu ihrem Mann zurück. Ihr ohnehin schwieriges Leben endete tragisch, Sophie starb bei einem Brand auf einem Pariser Bazar.

 

Und da ist noch Leopold von Sacher-Masoch. Er hatte eigentlich alles, was man für eine Gelehrtenkarriere braucht: 1836 in Lemberg geboren, schloss er das Studium der Geschichte und Philosophie in Graz ab und habilitierte sich mit nur 20 Jahren. Kurze Zeit war er als Privatdozent tätig, doch er schrieb lieber Geschichten. Wirklich viele: etwa 80 Romane, über 100 Novellen und Aufsätze und mehrere Dramen. Fast alle sind vergessen, bis auf „Venus im Pelz“. Darin geht es um einen Mann, der Lust aus Unterwerfung, Schmerz und vertraglich geregelter Abhängigkeit bezieht. Irgendwann verschwammen dann wohl die Grenzen zwischen Leben und Literatur. Die Grazer Schriftstellerin Angelika Aurora Rümelin nahm Briefkontakt mit dem Autor auf – als „Wanda von Dunajew“ – der Heldin seines Romans, deren Namen sie später annahm. Sie wurde seine Frau und Mitgestalterin seiner Fantasien. Das Ende? Ein Scheidungsskandal samt finanziellem Ruin.

 

Während der Schriftsteller noch lebte, machte Krafft-Ebing dessen Werk zum Forschungsgegenstand seiner „Psychopathia sexualis“ und Sacher-Masoch unfreiwillig zum Namensgeber einer krankhaften Neigung. Was also blieb vom Autor? Ein Klassiker der erotischen Literatur, der mehrfach verfilmt wurde, ein Velvet-Underground-Song und der medizinische Fachbegriff Masochismus. Ach ja: Und ein Emblem mit Monogram an der Ecke seines Wohnhauses in Graz.

 

Am Ende stellt sich wohl nicht nur mir die Frage, wer hier eigentlich wen inspiriert hat: die Kunst die Literatur, die Literatur die Wissenschaft oder doch nur der Pelz die Fantasie? Für Sacher-Masoch war Tizians Venus, die es offenbar auch als Variante in Samt mit Pelz gibt, ein Schlüsselbild. Ich kenne auch noch andere Beispiele. Rubens zum Beispiel setzte seine Frau für das heute im Wiener Kunsthistorisches Museum hängende Bild nackt und mit Zobel in Szene. Eine Liebeserklärung oder ein Fall von Überredungskunst? Pelz wärmt schließlich – in dem Fall wohl vor allem das männliche Ego. Rubens war damals 53, seine Partnerin 16. Sacher-Masoch hat seine Geliebten gleich per Vertrag dazu verpflichtet, so oft wie möglich Pelz zu tragen. Für Krafft-Ebing war der Pelz wahrscheinlich nur ein Fetisch, der sich gut katalogisieren ließ. Obwohl, sieht man genau hin, hat der Mantel seiner Büste einen Pelzkragen. Vielleicht ein Macht- und Statussymbol? Ich jedenfalls habe keinen Pelz, weder für die eine noch für die andere Verwendung … 

 



Fotos: Büste Krafft-Ebing, Auenbruggerplatz 31 (c) Astrid Kampel, Grabmal auf dem Leonhardfriedhof, Emblem mit Monogramm SM Ecke Jahngasse/Wickenburggasse, Venus im Pelz von Sacher-Masoch und „Pelzchen“ von Rubens, ehemals Sanatorium Maria Grün, Straßenschild, ehemals Irrenanstalt Feldhof (wo es auch eine Büste gibt) * Venus in furs, Velvet Underground 1967