Vom rauen Stein zum glatten Würfel

Kunst im öffentlichen Raum ist irgendwie seltsam. Niemand kauft dafür ein Ticket, niemand nimmt sich extra dafür Zeit, sie begegnet uns ungefragt und unvermutet. Wie der Wasserlauf in der Heinrichstraße nahe der Universität. 

 

Wasserlauf: Vom Naturstein zum Kulturstein, so nennt sich das rätselhafte Objekt. In der 30 Meter langen Rinne hat sich das Wasser allerdings längst verabschiedet. Es entsprang dem Naturstein, durchfloss ein altes Portal, das früher Eingang eines hier stehenden Gebäudes war, und mündete im Kulturstein. Groß, glatt mit Zahlen bedeckt – gezähmte Natur in einer urbanen Umwelt, sagt die Beschreibung. Diese Installation unmittelbar neben Straße und Gehweg stammt von János Koppándy und entstand im Jahr 1996 zeitgleich mit dem Neubau für die Fakultäten der Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Koppándy hat in Graz Architektur studiert, arbeitete als Landschaftsarchitekt und übernahm später eine Professur an der Bauhaus-Universität Weimar. Bevor ich nachgelesen habe, dachte ich, es geht um einen Entwicklungsprozess, vom unbehauenen zum durch Wissen kultivierten Geist. Das erschien mir so nahe an der Universität total logisch. Direkt schade, dass sich der Künstler etwas Anderes dabei gedacht hat.

 

Kunst im öffentlichen Raum ist in Graz allgegenwärtig, manchmal unauffällig, manchmal irritierend, manchmal sogar verständlich. Die Meinungen darüber gehen fast immer auseinander. Aber das ist Teil der Idee, die Kunst soll zum Innehalten anregen, eine neue Dimension eröffnen, Fragen stellen. Für Kunst im öffentlichen Raum gibt es sogar ein eigenes Institut, das 2006 gegründet wurde.

 

Ich hätte ein Controller-Gen wurde behauptet, wenn mir selbst in einem vielseitigen Zahlenkonvolut der einzige Fehler sofort auffiel. Eine besondere Leistung ist das nicht, es ist eine angeborene Detailorientierung. Solche Menschen stolpern über Abweichungen in verborgenen Mustern. Was das mit unserem Wasserlauf-Objekt zu tun hat? Die fehlende Zahl 221 auf dem Kulturstein ist mir sofort ins Auge gesprungen. Warum fehlt sie? Und warum beginnen die Zahlen bei 123? Und was ist mit der zweiten fehlenden Zahl 191? Der Künstler ist leider verstorben, wen also könnte ich fragen. Gerade jetzt, wo mich auch eine Büste von Krafft-Ebing aus einer anderen Geschichte herausfordert. Es ist ein Schild, das irritiert: Ernst Fuchs, Wien 1903. Der, den wir alle kennen, kommt aber nicht infrage, er wurde erst später geboren. Die Universität vermutet, es könnte eine namensgleiche Werkstatt gegeben haben. Auffindbar ist sie nicht. Ein Ernst Fuchs war wie Krafft-Ebing Klinikleiter in Wien. Vielleicht ein Gönner? Die Uni antwortet umgehend. In Wien gäbe es eine fast identische Büste, vielleicht ist das in Graz eine Kopie? Der Lokalaugenschein war vergebens, die Arkaden der Universität Wien sind gerade eine Baustelle, aber im Internet finden sich Büste und Bildhauer. Ergebnis: Fehlanzeige. Auch ein Recherche-Junkie muss wohl irgendwann aufgeben … 

 

 

Veröffentlicht am 12. Mai 2026 * Fotos: Objekt Wasserlauf, Heinrichstraße/Geidorfgürtel, Detailaufnahme des Kultursteins * Kunst im Öffentlichen Raum * Krafft-Ebing zum Nachlesen