Für die einst wohl zahlreichen Klosterbrüder hieß es im Grazer Minoritensaal Silentium. Schweigend sitzt auch das Publikum von heute im barocken Konzertambiente. Netterweise wird dabei nicht gegessen.
Ursprünglich war der Saal das Sommerrefektorium, der klösterliche Speiseraum. Dass man mit vollem Mund nicht spricht, gehört auch in modernen, eher nicht durch besondere Manieren auffallenden Zeiten zum Benimm-Einmaleins. Allerdings waren die Mönche während der gesamten Mahlzeit zum Schweigen verpflichtet. Zuhören war aber auch damals erlaubt, von der Kanzel wurde aus der Heiligen Schrift oder den Ordensregeln vorgelesen.
Der Gebäudeteil mit dem Minoritensaal, der heute als Konzertsaal dient, trägt das Fertigstellungsjahr 1732. Finanziert wurde er von einem Fürsten von Eggenberg wie bereits 100 Jahre davor die frühbarocke Klosteranlage und die Mariahilferkiche. Als Gegenleistung sollten Messen gelesen werden und Mitglieder der Fürstenfamilie in der Kirche ihre letzte Ruhestätte finden. Die Minoriten, eine Ordensgründung nach Franz von Assisi, waren schon seit dem 13. Jahrhundert in Graz. Sie verloren ihre Bleibe, als das Franziskanerkloster nach einem langen Streit vom Papst auf Drängen des Kaisers den Konkurrenten im eigenen Orden übertragen wurde. Die Eggenberger schenkten ihnen zunächst ein Grundstück in der Murvorstadt, auf dem sie später Kloster und Kirche durch Joachim Carlone errichten ließen. Der Baumeister mit italienischen Vorfahren ist in Graz geboren.
Unter dem opulenten Deckengewölbe mit den stuckumrandeten Bildfeldern hängt an der Stirnseite des Minoritensaales eines der größten Barocktafelbilder Österreichs. Es wurde von Johann Baptist Raunacher gemalt, von dem auch einige großformatigen Gemälde in den Zimmern von Schloss Eggenberg stammen. Ihre vergnüglichen Darstellungen sind durchaus einen Besuch wert. Das Motiv des Großformats ist die Speisung der Fünftausend. Die Geschichte soll sich in etwa so zugetragen haben: Jesus philosophierte vor sich hin und zog damit eine große Menschenmenge an, die ihm folgte. Als es Abend wurde, meldete sich bei den Fans der Hunger. Die Jünger wollten die Menschen nach Haus schicken, Jesus griff jedoch ein und wies sie an für Essen zu sorgen. Verblüfft darüber, wie das bei 5 Broten und 2 Fischen funktionieren soll, begannen sie mit der Verteilung. Und siehe da, auf wundersame Weise ging das Essen nie aus, es blieb sogar noch etwas übrig. Diese Szene hat Raunacher festgehalten. Der Saal ist auch sonst sehenswert. An der Decke verehren die Engelschöre Maria, Gestalten aus dem alten und neuen Testament gibt es auch. Selbstverständlich darf das Wappen der Fürsten von Eggenberg nicht fehlen. Die Lesekanzel befindet sich beim Eingang, zu dem eine repräsentative doppelläufige Treppe führt.
Die an das Kloster angrenzende Kirche ist ein Meisterwerk von Pietro de Pomis. Die ehemalige Fassade wurde jedoch durch eine dem Zeitgeist entsprechende Schaufassade ersetzt. Auch die markanten Türme stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute gibt es im Kloster noch 4 Brüder. Der Großteil der Anlage ist ein Kulturzentrum mit vielfältigen Angeboten. Derzeit und noch bis Mitte Juli 2026 gibt es eine Ausstellung mit dem interessanten Titel „Gott hat kein Museum“. Es geht um Aspekte von Religion und Kunst der Gegenwart. Wie überhaupt zeitgenössische Kunstformen in der Bildenden Kunst, der Literatur und Musik Schwerpunkt des KULTUM sind, des Kunst- und Kulturzentrums in den Minoriten. Zu den Veranstaltungsräumen zählt auch das ehemalige Winterrefektorium, der Franziskussaal. Das Wort Refektorium für einen klösterlichen Speiseraum leitet sich vom lateinischen Wort für Erquickung oder Labung ab. Und das passt doch gut zum leiblichen wie zum geistigen Wohl.
Meine Erfahrungen mit Konzerten im Minoritensaal sind überaus positiv. Ich lasse mich nur ab und zu von den vielen Darstellungen im Raum ablenken. Dass der Chor der Kärntner dort auftritt, ist ein Zusatzbonus. Die Sängerinnen und Sänger machen sich gut vor dem großen Gemälde. Kein Wunder, ist doch der Maler ein echter Kärntner. Die Speisung der Fünftausend ist kein Ölgemälde, sondern mit Tempera gemalt, einer Emulsion aus Wasser und Öl. Das schreibe ich nur, weil ich mich in diesem Metier schon versucht habe, aber nur mit Wasserfarbe und Stift. Der Kreuzgang des Klosters mit seinen toskanischen Säulen ist ein idyllischer Rückzugsort und wird wohl bald einmal Motiv für eine Zeichnung sein. Als Fan des Kärntner Liedgutes habe ich mich schon an anderer Stelle geoutet. Seit einiger Zeit bin ich bei einem Singkreis ohne besondere Ansprüche mit viel Freude an der Musik. Steirische Volkslieder sind eher Neuland für mich, da gibt es gehörigen Nachholbedarf. Es werden auch Kärntnerlieder gesungen, jedenfalls immer dann, wenn ich mir etwas wünschen darf oder andere Kärnten affine Mitglieder. Für einen Auftritt im Minoritensaal wird es nicht reichen, wir singen aber auch so mit kirchlichem Segen – in der Pfarre Salvator.
Fotos: Stirnseite des Minoritensaales oberhalb des Tafelbildes, Deckengewölbe, Mariahilferkirche, Chor der Kärntner in Graz, Detail des Tafelbildes, Kreuzgang, Lesekanzel * Minoritenzentrum * KULTUM, Zentrum für Gegenwart, Kunst und Religion