Sie war die Schönste

Die Überquerung der Mur war über Jahrhunderte eine ziemliche Herausforderung. Heute gibt es in Graz 10 Brücken und 6 Stege auf einer Länge von 15 Kilometern. Einige mit einer ganz erstaunlichen Geschichte.

 

Wer vom Osten Richtung Südtirolerplatz unterwegs ist, wirft auf der Brücke meist einen kurzen Blick zur Murinsel und schon ist das andere Ufer erreicht. Selbst die Liebesschlösser am Geländer gehören inzwischen so selbstverständlich zum Stadtbild, dass sie kaum mehr auffallen. Dabei sind sie heute das Spannendste an der Brücke, die die meisten weiterhin Hauptbrücke nennen, obwohl sie seit 2009 offiziell Erzherzog-Johann-Brücke heißt. 

 

So unscheinbar wie heute, war ihre Vorgängerin nicht, im Gegenteil. Als die alte Kettenbrücke in die Jahre kam, entstand 1891 mit der Franz-Carl-Brücke ein wahres Schmuckstück der Gründerzeit. Obelisken, Statuen, Adler, Schwäne, kunstvolle Geländer und elegante Laternen machten sie zur schönsten Brücke im Land. Sie wäre es wohl noch heute, hätte man nicht in den 1960er Jahren eine Generalsanierung als zu teuer verworfen. Stattdessen entstand ein nüchterner Zweckbau, der nur den Anforderungen des Verkehrs gerecht werden musste. Nichts gibt uns heute das Gefühl, dass wir über geschichtsträchtigen Boden gehen, über jene Stelle, die über Jahrhunderte weit und breit die einzige Möglichkeit war, den Fluss zu überqueren und die maßgeblich zur Stadtentwicklung beigetragen hat.

 

Kaum vorstellbar, dass die Mur hier so breit und seicht war, dass man zumindest bei Niedrigwasser durchwaten oder Fuhrwerke ziehen konnte. 1361 wird erstmals eine Holzbrücke erwähnt. Lange Zeit blieb sie die einzige feste Verbindung zwischen Frohnleiten im Norden und Landscha im Süden. Die Mauteinnahmen für die Stadt sprudelten, doch das Hochwasser der Mur zerstörte die hölzernen Stege immer wieder. Weder eine Aufzugbrücke mit Verkaufsbuden überstand die Fluten, noch ein überdachter Bau mit Geschäften. Es gab auch immer wieder Provisorien bis 1845 die erste Kettenbrücke gebaut und Franz Carl gewidmet wurde. Die mit vier Ketten in stabilen Kettenhäusern verankerte Brücke war endlich hochwassersicher. An ihr nagte nur der Zahn der Zeit, Verkehrsbeschränkungen brachten keine dauerhafte Lösung. Die Stunde der prachtvollen Franz-Carl-Brücke war gekommen. Wir schreiben das Jahr 1891. Ach ja, Franz Carl war der Vater von Kaiser Franz Joseph. Er ist weder für die Steiermark noch sonst besonders in Erscheinung getreten. Man hätte vielleicht damals schon an Erzherzog Johann denken können, dann hätten wir kein Problem mit unserem Namensgedächtnis.

 

Ganz verschwunden ist die historische Brücke nicht. Die Figuren Austria und Styria, die auf zwei Obelisken standen, fanden im Stadtpark in der Nähe des Brunnens ein neues Zuhause. Die fliegenden bronzenen Adler sind im privaten Park des Metahof-Schlössls gelandet. Einige Schwäne und weitere Dekorationselemente versammeln sich unter der Brücke, sie tauchten Ende der 1990er Jahre auf geheimnisvolle Weise wieder auf. Heute hat sich die Mur tief eingegraben, bei Hochwasser müssen nur noch manche Stege gesperrt werden. Und von Norden bis in den Süden reihen sich 10 Brücken aneinander, eine davon ist eine Eisenbahnbrücke. Jede hat ihren eigenen Charakter und ihre eigene Geschichte und jede verbindet nicht nur zwei Ufer miteinander sondern unterschiedliche Stadtteile und Lebenswelten. Die 6 später entstandenen Stege zeigen wieder ein anspruchsvolleres architektonisches Bild oder neue Funktionen wie die Murinsel, die seit 2003 als Café und Veranstaltungsort punktet. Und natürlich als tollstes Fotomotiv auf der Mur. Was für ein Ambiente würden Murinsel, Kunsthaus, die alte Brücke und der Schloßberg ergeben. Das wäre vielleicht fast zu viel des Guten.

 

Brücken faszinieren viele Menschen wegen ihrer oft spektakulären Architektur, manchmal ihrer Geschichte und natürlich als Symbol des Verbindenden. Mich auch. Als überzeugte Europäerin bin ich deshalb ein Fan unserer Euro-Scheine. Nicht nur weil die Wechslerei ein Ende fand und Geld auch sonst ganz praktisch ist, sondern wegen der darauf abgebildeten Brücken. Eine geniale Idee, um die Verbindung von Menschen und Ländern zu symbolisieren. Und damit sich kein Land auf den Schlips getreten fühlt, sind es fiktive Brücken. Wer sein Wissen testen möchte, findet die Kunstepochen in der Fußnote. Die großen Scheine, bei mir ab 50 Euro, lasse ich den Bankomaten sonst nicht ausspucken. Ich zahle nur mehr kleinere Beträge in bar. Das Design stammt übrigens von einem Österreicher. Robert Kalina war Mitarbeiter der Österreichischen Nationalbank und hat den Gestaltungswettbewerb 1996 gewonnen. Der 500er, der zwar noch gültig ist, aber seit 2019 nicht mehr ausgegeben wird, ist der modernen Architektur gewidmet.

 

Im niederländischen Spijkenisse, einem 70.000 Einwohner-Städtchen, wurden alle Brücken der Euro-Scheine als Kunstprojekt nachgebaut, über die Grachten in einem neuen Stadtviertel. Mir bleibt einstweilen nur, die Geschichten der weiteren Grazer Murbrücken und Murstege ein andermal zu erzählen …

 



Veröffentlicht am 20. Juni 2026 * Fotos: Franz-Carl-Brücke (Joanneum), Erzherzog-Johann-Brücke, Deko-Elemente unter der Brücke, Geldscheine, Styria Stadtpark, Liebesschlösser, Adler Metahof-Schlössl * Horst Bischof, Die Grazer Murübergänge, Edition Strahalm, 2015 * 5 € Klassik, 10 € Romanik, 20 € Gotik, 50 € Renaissance, 100 € Barock und Rokoko, 200 € Eisen- und Glasarchitektur