Ein paar Schritte vom Alltag entfernt gibt es in Graz-Andritz eine Quelle mit einer ganz besonderen Ausstrahlung, das Ulrichsbründl. Es vereint auf wundersame Weise Geschichte, Legende, Religion und Natur.
Über die Andritzer Reichsstraße vorbei am Gasthof Pfleger führt der Ulrichsweg rasch zum alten Wallfahrtsort. Heute wirkt alles ruhig und beschaulich. Vor Jahrhunderten ging es hier deutlich lebhafter zu. Begeben wir uns also auf eine Zeitreise zurück an den Beginn des 14. Jahrhunderts. Der Legende nach kehrt Graf Ulrich von Gösting krank aus türkischer Kriegsgefangenschaft zurück. Bei einer Jagd am Reinerkogel überfällt ihn erneut das Fieber. Er trinkt aus einer Quelle und ist geheilt. Zum Dank lässt er ein Marterl errichten und stellt es unter den Schutz des heiligen Ulrich von Augsburg, heilszugeordnet unter anderem den Brunnen und den Fieberkranken. Aus dem Marterl wird im 16. Jahrhundert eine Kapelle, aus der Kapelle ein Jahrhundert später die heutige barocke Kirche. Wir schreiben das Jahr 1689. Der Andrang an Gläubigen zur Heilquelle wird größer, die Kirche auch, bis Josef II wieder hundert Jahre später dem Treiben ein abruptes Ende setzt. Die Wallfahrt wird verboten, am Ort der Kirche soll ein Munitionslager entstehen. Die Grazer Bevölkerung steht jedoch auch ohne Munition Gewehr bei Fuß und verhindert den Abbruch. Ein Volksfest am 4. Juli, dem Ulrichstag, ist jedes Jahr der Höhepunkt der wieder einsetzenden Wallfahrt. Als der Reinerkogel parzelliert und verkauft wird verfällt die Kirche, bis sie 1917 ein Priester ankauft und restauriert.
Erst jetzt kommt Lourdes ins Spiel, der bekannteste Marienwallfahrtsort Europas, der mit seiner weltberühmten Quelle jährlich bis zu 6 Millionen Menschen anzieht. Die Felsgrotte neben der Kirche bot sich für eine Marienandacht nach dem französischen Vorbild geradezu an. Die Quelle hat man einfach von der Kirche zur Grotte umgeleitet. Das heute denkmalgeschützte Ensemble aus der Kirche St. Ulrich zu Ulrichsbrunn und der Grotte Mariaquell besteht also erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Brüderlich oder schwesterlich aufgeteilt unter den beiden Heiligen Ulrich von Augsburg und Bernadette Soubirous. Er mit Standort in der Kirche, sie vor der Grotte. Zwischen beiden: ein paar Meter, aber fast 1000 Jahre Geschichte. Er, Bischof, Staatsmann und 955 Verteidiger gegen die Ungarn, sie, ein französisches Bauernmädchen aus Lourdes, das 1858 zahlreiche Marienerscheinungen erlebt. Heute wird das Ulrichsbründl mit allem Drumherum von den Dienerinnen Christi betreut, die etwas oberhalb ein Pflegeheim betreiben, dessen besonderer Gast Diözesanbischof Weber war. Auf der kleinen Fläche zwischen Kirche und Grotte stehen mehrere Informationstafeln, die die hier zusammengefassten Inhalte ausführlich wiedergeben.
Alles Erzählte in diesem Blog hat eine Vorgeschichte, einen aktuellen Anlass und geht danach oft noch weiter. Das Ulrichsbründl kam eher zufällig auf meine Warteliste. Bei der Erzählung von der Jakobsleiter auf den Reinerkogel blieb die Frage offen, wie viele Stufen es nun wirklich sind. Also hieß es noch einmal hinauf. Es sind persönlich gezählte 448 Stück. Der Rückweg sollte ein anderer sein wie beim letzten Mal und so habe ich das Ulrichsbründl entdeckt. Oder es mich, das weiß man ja nie so genau. Der empfehlenswerte Spaziergang dauert ein bisschen mehr als eine Stunde. Als eine liebe Freundin von prachtvollen Rhododendren in der Nähe der Quelle erzählte, war der richtige Zeitpunkt für die Geschichte gekommen. Blühendes duldet keinen Aufschub. Mein Herz gehört neben der bunten Blütenpracht der heiligen Bernadette oder besser dem Roman von Franz Werfel. In Schulkindtagen saß ich einmal jeden Tag in der Maiandacht, bloß um keine Folge der spannenden Geschichte zu versäumen. Es gab übrigens noch ein weiteres Danach zur Jakobsleiter: Das Englein-Mobile an der Decke im Vorraum meiner Wohnung hat den Platz gewechselt und nun haben die luftigen Wesen vom Durchzug unbehelligt ihre himmlische Ruhe …
Veröffentlicht am 31. Mai 2026 * Fotos: Grotte Mariaquell, Ulrichskirche, Rhododendren beim Zugang zum Ulrichsbründl