Dass es in einem Theater dramatisch zugeht, liegt in der Natur der Sache. Doch manchmal steht das Drama gar nicht auf dem Spielplan. So wie in Graz vor etwas mehr als 200 Jahren.
Es ist die Weihnachtsnacht 1823, die Feuerwache auf dem Uhrturm schlägt Alarm. Das soeben renovierte Theater steht in Flammen. In langen Ketten wandern Wassereimer von Hand zu Hand, doch alle Mühe bleibt vergebens. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: 1776 wurde das erste große Theater der Stadt eröffnet, keine 50 Jahre davor. Früher tingelten Schauspielgruppen von Ort zu Ort und spielten, je nach Bewilligung, einige Tage, Wochen oder sogar Monate. Eine erste, noch eher provisorische Spielstätte entstand schließlich auf dem Tummelplatz. Als diese baufällig wurde, traten gleich zwei glückliche Fügungen ein – Stadt und Land einigten sich darauf ein Theater zu errichten und Maria Theresia stellte ein Grundstück zur Verfügung. Nach nur zwei Jahren Bauzeit wurde das Theater am heutigen Standort des Schauspielhauses eröffnet. Ein klassizistisches Gebäude, in dem noch Kerzen und Öllampen für die Beleuchtung sorgten.
Die Grazer Bevölkerung war restlos begeistert, erst recht, als ein renommierter Theaterleiter von Weimar nach Graz kam, um das Haus zu führen. Später ließ die Euphorie nach, das Haus verfiel zusehends. Bis wieder ein Theaterdirektor das Ruder herumriss. Doch einen Tag nachdem alles in altem Glanz erstrahlte, brannte das Gebäude fast vollständig nieder. Die Ursache blieb ungeklärt.
Der Brand hatte auch unerwartete Folgen. Plötzlich interessierte sich ganz Graz für sein Theater. Die Wiedereröffnung im Oktober 1825 wurde zum Triumph. Beim Bau des neuen Hauses, der auch diesmal nur zwei Jahre dauerte, wurde gleich das Umfeld bereinigt, sodass der damalige Franzensplatz entstehen konnte. Der Haupteingang blieb in der Hofgasse, darüber bis heute die Lyra, daneben die Masken von Komödie und Tragödie. Es waren wirtschaftlich schwierige Zeiten, also griff man zu ungewöhnlichen Mitteln. In Triest lagernde Kanonen wurden an Neapel verkauft, die Einnahmen des Kurbades Rohitsch-Sauerbrunn, dem heutigen Rogaška Slatina, umgewidmet und private Spenden gesammelt. Am Eröffnungsabend stand ein Trauerspiel von Joseph Christian von Zedlitz auf dem Programm. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte ich nicht einige Zeit in der nach dem Autor benannten Straße in Wien gewohnt.
Ein Ereignis gehört noch vor den Vorhang: Vom Balkon des Theaters wurde im November 1918 die Erste Republik ausgerufen und der Freiheitsplatz erhielt seinen Namen. 1952 musste das Schauspielhaus dann aus Sicherheitsgründen schließen. Diesmal dauerte es länger, das Innere des Hauses wurde komplett modernisiert. Erst 1964 hob sich der Vorhang erneut, diesmal mit Hamlet und Helmut Lohner in der Titelrolle.
Heute ist das Schauspielhaus ein wichtiger Teil der Grazer Kulturszene. Es gibt 3 Bühnen mit 540, 100 und 50 Sitzplätzen. An der Fassade finden sich Namen von Autorinnen und Autoren. Darunter auch Marlen Haushofer. Die Theateradaption ihrer Novelle „Wir töten Stella“ hat mich vor Kurzem begeistert. Die aus Oberösterreich stammende Literatin ist vielen durch den Roman oder den Spielfilm „Die Wand“ vertraut. Die aktuelle Produktion gilt als Teil der Kanonerweiterung unter der Intendanz von Andrea Vilter. Mehr Autorinnen, mehr Perspektiven als sinnvolle Ergänzung zu den bisher als maßgeblich gehandelten Werken der Theaterwelt. Marlen Haushofer, Jahrgang 1920, lebte zwischen 1943 und 1947 in Graz. Ihr Mann ist in der Nähe geboren und studierte hier, wie auch Marlen. Er wurde Arzt, sie hat ihr Studium abgebrochen. „Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe“, sagte sie einmal. Und ich? Ich bin mit dem Schauspielhaus wieder versöhnt. Die letzte Spielzeit konnte mich nicht immer überzeugen. Aber das Haus hat, wie wir jetzt wissen, schon ganz andere Dramen überstanden …
Veröffentlicht am 21. März 2026 * Fotos: Schauspielhaus Ecke Freiheitsplatz/Hofgasse, Fassade Hofgasse, Plakatwand „Wir töten Stella“ im Foyer im 1. Stock * Umfangreiche Biografie von Marlen Haushofer * „Wir töten Stella“ steht noch fünf Mal auf dem Spielplan (inkl. 22.3.2026)