Das Palais Saurau in der Grazer Sporgasse fällt auf. Nicht wegen seiner Architektur, sondern wegen eines Türken mit Turban und Schwert, der seit 400 Jahren aus einer Luke unter dem Dach schaut.
Warum er das tut, weiß eine Sage: Ein türkischer Pascha hat Graz im Jahr 1532 besetzt. Bei einem Gelage im Palais wird sein Braten von einer Kanonenkugel getroffen und aus dem Fenster katapultiert. Dem Pascha blieb nur das „Nachsehen“. Abgefeuert wurde die Kugel noch dazu vom nicht eroberten Schloßberg. Der Besatzer verlor ob so viel Frechheit und Schießkunst nicht nur die Nerven, sondern auch die Lust auf Graz und zog ab. Der Türke unter dem Dach erinnert daran. Die Historiker schütteln bei dieser Geschichte ungläubig den Kopf. Denn die Türken waren nie in Graz und das Palais wurde erst Jahrzehnte später gebaut. Die Volksfantasie nimmt aber keine Rücksicht auf solch unwichtige Kleinigkeiten. Was es tatsächlich mit der Figur auf sich hat, weiß man allerdings bis heute nicht so genau. Eventuell war es ein Hauszeichen, ein Schutz vor Einquartierungen, ein Marktfreiungszeichen oder nur Dekoration. Bekannt ist zumindest die Herkunft. Es ist eine hölzerne Quintana-Figur, die früher bei Reiterspielen als Pseudogegner Verwendung fand. Übrigens eine Kopie, das Original ist im Graz Museum. Das Palais Saurau gibt aber mehr her als nur dieses ungewöhnliche Aushängeschild: Renaissance-Arkaden im Innenhof, einen Schloßbergpark mit Pavillon, Prachträume in der Beletage, ein eindrucksvolles Tor mit einer später hinzugefügten kunstvollen Oberlichte aus Schmiedeeisen. Sehen können wir leider nur das verschlossene Tor.
Begonnen hat alles damit, dass ein Kaiser seinem Schlosshauptmann 1564 ein Grundstück schenkte. Dieser baute ein repräsentatives Stadthaus und verkaufte es 1629 an einen Grafen Saurau, damals Landeshauptmann der Steiermark. Nicht ganz freiwillig, denn der Besitzer war Protestant und musste die Steiermark verlassen oder konvertieren. Die Nachkommen aus dem Hause Saurau ließen den Bau im 18. Jahrhundert barockisieren. Heute ist das Palais noch immer im Besitz der Familie Goëss-Saurau. Geändert hat sich nur unser Blick auf die Geschichte. Was früher für die Habsburgermonarchie Türkengefahr und Türkenkriege waren, ist heute osmanischen Ursprungs. Die Forschung ist historisch präziser geworden, die Gesellschaft sprachlich sensibler. Denn die Gefahr ging damals vom Osmanischen Reich aus, einem Vielvölkerstaat. Die Soldaten stammten nicht nur aus Anatolien, der heutigen Türkei, sondern auch vom Balkan, aus Nordafrika und den arabischen Ländern. Die pauschale Verwendung von Türken im Sinne eines historischen Feindbildes scheint heute nicht mehr opportun, immerhin leben Millionen Menschen mit solchen Wurzeln in Europa. Unser Türke, der aus dem Palais Saurau etwas grimmig herunterblickt, ist davon unbenommen. Aus ihm wird wohl keine osmanische Fassadenfigur. Wir haben ihn schließlich liebgewonnen.
Meine türkischen Erfahrungen sind durchwegs erfreulich. Gleich zu Beginn meines Studiums in Graz, hat mich eine Studienkollegin in ihre Heimat eingeladen. Damals war Reisen noch Abenteuer – eine Busfahrt über 1.500 Kilometer, eine fremde Kultur zum häuslichen Anfassen, mein erster Basar, spektakuläre Sehenswürdigkeiten, eine Zweitwohnung am Strand von Izmit, ein Flug mit stundenlanger Verspätung ohne Kontaktmöglichkeiten. Es war ein bisschen wie eine andere Welt. Das war vor 50 Jahren. 30 Jahre später: Eine einwöchige Rundreise mit einer lieben leider schon verstorbenen Freundin aus Kärnten. Pamukkale, Hierapolis, die Seldschukische Brücke, schöne Erinnerungen, Teppichkauf inklusive. Es war 2004, jenes Jahr, in dem das erste digitale Fotobuch auf den Markt kam. Es ist aber ein ganz altmodisches Album geworden, in dem ich jetzt beim Durchblättern das Foto vom Folklore-Abend entdeckt habe. Die Ähnlichkeit mit unserem Türken ist nicht zu übersehen. Wenn auch der junge Mann nicht so grimmig dreinschaut und vor allem kein Schwert trägt …
Veröffentlicht am 3. März 2026 * Fotos: Hölzerne Halbfigur im Palais Saurau, Palais Saurau Fassade, Fotoseiten von Türkeiaufenthalten aus 2 Fotoalben * Das Palais Saurau ist in der Sporgasse 25