Vergessen oder doch verloren

In Graz ist das Fundservice in der Annenstraße Anlaufstelle für alle, die etwas vergessen, verloren oder gefunden haben. Verblüffend, dass nach 65 Prozent der abgegebenen Gegenstände überhaupt niemand fragt. 

 

Über 10.000 unterschiedlichste Dinge werden jährlich beim Fundservice abgegeben. Warum viele auch dort bleiben, wird ebenso viele Gründe haben. Wer einen der über 1000 Schlüssel verloren hat, braucht ihn wohl zeitnah und lässt daher die Tür öffnen und ein neues Schloss einbauen. Taschen oder Koffer haben möglicherweise Gäste vergessen, die schon auf dem Heimweg sind. Bei einigen Kleidungsstücken ist vielleicht der Suchaufwand größer als der Wert. Warum die Hälfte der 1500 Ausweise, Dokumente und sonstigen Plastikkarten dem Fundservice erhalten bleibt, ist aber mysteriös. Vermutlich wissen viele gar nicht, dass es diese Stelle gibt. Wenn übrigens Namen eindeutig zuordenbar sind, kümmert sich das Fundservice aktiv um die Verständigung. Von den 1000 Geldbörsen werden immerhin mehr als 80 Prozent abgeholt. Ob sich die Hoffnung erfüllt, dass auch der Inhalt noch vorhanden ist, ist nicht dokumentiert.

 

Kurios, dass auch Schulzeugnisse gefunden werden. Sie könnten mit gutem Grund verloren gegangen sein. Oder Krücken, bei denen vielleicht jemand froh war, sie nicht mehr zu brauchen. Das könnte auch beim Kinder-Klo der Fall gewesen sein. Nach einem Jahr werden die Fundstücke vor Ort günstig verkauft, Schlüssel werden eingeschmolzen.

 

Seit 2003 kann man Gefundenes nicht mehr bei der Polizei abgeben, außer es sind Schusswaffen. Es bleibt also nur der Weg zum Fundservice mit seinen etwas eigenwilligen Öffnungszeiten – Mo 7-18 und Di-Fr 7-13 Uhr. Die Information auf der Website, dass der Portier im Amtshaus in der Schmiedgasse rund um die Uhr für Abgaben zur Verfügung steht, hat sich bei einem Lokalaugenschein als nicht richtig erwiesen. Wer etwas sucht, hat es da schon leichter. Unter fundamt.gv.at findet man mit etwas Glück das Gesuchte oder gibt die Verlustmeldung gleich online ein. Die österreichweite E-Government-Lösung wird bereits von vielen Städten und Gemeinden verwendet. Graz ist natürlich dabei.

 

Ist etwas mehr als 10 Euro wert oder offensichtlich wichtig, ist eine Abgabe verpflichtend. Dafür gibt es einen Anspruch auf Finderlohn – 10 Prozent für Verlorenes und 5 Prozent für Vergessenes. Was aber ist der Unterschied? Nach dem ABGB, dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch, sind in letzter Zeit „ohne meinen Willen“ 3 Dinge „aus meiner Gewalt gekommen“. 

 

Die Laptoptasche im Zug – einer guten Fügung sei Dank ohne Laptop – und die Lesebrille im Hotel habe ich eindeutig vergessen, weil sie „an einem fremden Ort, der unter Aufsicht eines anderen steht, zurückgelassen wurden“. Beim roten Knirps ist es nicht so klar. Vergessen könnte ich ihn im Kaffeehaus haben oder ich habe ihn im Stadtpark verloren. Juristische Konsequenzen sind aber nicht zu erwarten. Trotz Eingabe in das tolle Fundamt-Tool und in die ÖBB-Variante ist nichts auffindbar. Die neue Lesebrille ist in Kürze abholbereit und an der schicken Laptop-Tasche aus dem Kunsthaus-Shop erfreut sich hoffentlich jemand noch lange.

 

Der rote Schirm auf dem Foto ist kein Ersatz für den Knirps, nur Ergänzung. Knirps ist übrigens ein Deonym, ein Produkt, das als erstes seiner Art so erfolgreich ist, dass der Name für die ganze Warengruppe verwendet wird. Wie z. B. auch Tixo, Labello oder Post-it. Das tut der Marke nicht wirklich gut, weil kaum etwas an die Qualität des Originals herankommt. Der erste Taschenschirm wurde in Deutschland von Hans Haupt erfunden und revolutionierte 1928 die ganze Branche. Die Marke Knirps blieb innovativ, 1965 gab es den ersten Automatikschirm, 2004 den kleinsten Knirps aller Zeiten. Im Oktober 2005 übernahm die österreichische Firma Doppler die renommierte Marke. Mit diesem Wissen gibt es nur mehr eine Möglichkeit: ich kaufe mir einen echten Knirps …

 

 

Alles zum Fundservice in Graz im Stadtportal * Oder gleich zur Online-Version unter www.fundamt.gv.at * Das Fundservice ist in der Annenstraße 19, gleich beim Mühlgang, Tel: 0316 872-2390